Defa-Donnerstag: Kurzfilme v. Richard Cohn-Vossen

In Sachen H. und acht Anderer/ Nachtarbeiter (Bundesarchiv) / Mathematiker (SDK) / Paul Dessau (Bundesarchiv).

DDR 1966 -73, Richard Cohn-Vossen. Richard Cohn-Vossen zählt bis Mitte der 1970er Jahre zu den bekanntesten Dokumentaristen der DEFA. Aber dann unterschreibt er die Resolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Damit ist seine Karriere in der DDR beendet, seine Filme verschwinden aus den Kinos, sein Name taucht nirgends mehr auf. Dabei heben sich seine Dokumentarfilme von vielen anderen der Zeit ab: Sie zeigen einen entschiedenen Sinn für das Ästhetische.

Die zwischen 1966 und 1973 entstandenen Dokumentarfilme beindrucken durch einen klaren Schlüssellochblick auf kaum gezeigte Bereiche des DDR-Alltags: IN SACHEN H. UND ACHT ANDERER (1972) ist das filmische Protokoll eines Gerichtsverfahrens gegen neun Jugendliche, die wegen Körperverletzung und Rowdytums angeklagt sind. Der Film sucht nach Motiven und Hintergründen der Tat und bezieht dabei vor allem auch das schulische und familiäre Umfeld der Täter mit ein und macht es sich nicht einfach, den Schuldigen zu finden. NACHTARBEITER (1973) stellt beinahe kommentarlos das Arbeitsleben von Menschen dar, die einer nächtlichen Beschäftigung nachgehen, zum Beispiel Bäcker, Stahlschmelzer und Eisenbahner. Das impressionistische Filmgedicht ist lakonisch und ungewöhnlich. In MATHEMATIKER (1970) berichten vier junge Wissenschaftler ein Jahr nach Beendigung ihres Studiums an der Berliner Humboldt-Universität von ihren unterschiedlichen Aufgaben an ihren Arbeitsstellen: bei der Reichsbahn, an der Akademie der Wissenschaften, an der Parteihochschule und im Schlachthof. In PAUL DESSAU (1967) präsentiert Richard Cohn-Vossen dem Zuschauer neben einem Künstlerporträt auch seine Haltung zur Kunst, die er mit dem Komponisten Dessau gemein hat: Kunst soll zum Denken anregen, widersprüchlich und unbequem sein. In einer ausgefeilten und kunstvoll arrangierten Montage mit vielen interessanten Kameraperspektiven verbindet der Regisseur Interviews, Proben zu den von Paul Dessau 1963 komponierten Bach-Variationen und die unkonventionellen Musikstunden, die der Komponist Schülern in einer Zeuthener Schule gibt. 


  • Beginn: 21:45 Uhr